105 Millionen Euro fehlen in der Rechnung

Der Zustand der Braunschweiger Schulen hat bundesweit schon des öfteren Schlagzeilen gemacht. Nun, kurz vor den Ratswahlen im Herbst, kommt die Stadt endlich mit einem Sanierungsprogramm. 9 der 75 Schulen sollen über ein PPP-Modell mit dem Baukonzern Hochtief saniert werden. Das wird rund 70 Millionen Euro kosten. Zusätzlich wird der Baukonzern die Schulen 25 Jahre lang bewirtschaften.

Gezahlt werden dafür ab 2014 12,65 Millionen Euro pro Jahr.

Nach Angaben von Finanzdezernent Ulrich Stegemann beläuft sich das Volumen an Sanierungs- und Betriebskosten, die der Baukonzern in den 25 Jahren ausgeben wird auf insgesamt 211 Millionen Euro.

Ich finde es gut, dass endlich saniert wird und das laut Stadt 32 Millionen Euro durch den Vertrag eingespart werden. Aber es stellen sich für mich folgende Fragen:

  • 25 Jahre mal 12,65 Millionen Euro pro Jahr ergibt rund 316 Millionen Euro. Diese Rechnung hat in den ausführlichen Artikeln der Braunschweiger Zeitung noch niemand aufgestellt. Also: Warum zahlen wir 105 Millionen mehr als tatsächlich an Kosten entsteht? Handelt es sich um Zinsen? Die Betriebskosten werden direkt jedes Jahr gezahlt. Daher kann es sich nur um Zinsen auf die Sanierungskosten handeln. Um aber 70 Millionen auf 25 Jahre abzubezahlen halte ich einen Zinsanteil von 105 Millionen für stark überhöht.
  • Warum werden die Verträge nicht offengelegt?
  • Warum zahlt man die 70 Millionen Sanierungskosten nicht direkt? Wenn ich mein Dach sanieren muss, schließe ich auch keinen Ratenvertrag ab, bürde die Kosten meinen Kindern auf und rühme mich anschließend, dass ich alles saniert habe und einiges auf der hohen Kante habe.
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Stadion ausbauen, Kinderbetreuung zusammenstreichen?

Diese Alternativen gegenüberzustellen, ist – wenn man der Braunschweiger Zeitung und unseren Politikern glaubt – gar nicht erlaubt. Es ist, wenn man der CDU-Kreisvorsitzenden Heidemarie Mundlos glaubt, ein “unseriöses und falsches Spiel”, weil man damit den Menschen vortäusche, die Investitionen ins Stadion würden den Menschen an anderer Stelle weggenommen (Braunschweiger Zeitung vom 11. Januar 2011).

Natürlich ist es erlaubt. Jeden Euro kann man nur einmal ausgeben. Deswegen wird das Geld an anderer Stelle fehlen.

Oberbürgermeister Gert Hoffmann sieht die Sache schon etwas klarer als seine Parteikollegin. Auf die Frage, ob der Ausbau zulasten anderer Investitionen gehe, sagt er in der Braunschweiger Zeitung vom 20. Januar 2011:

“Es gibt immer Wünsche, die unerfüllt bleiben. Klar ist, dass etwa Bildungswesen und Kinderbetreuung nicht leiden. Nichts wird wegen des Stadionausbaus vernachlässigt.”

Tatsächlich war es aber in der Vergangenheit so, dass Bildungswesen und Kinderbetreuung permanent unter den knappen Finanzemitteln der Stadt gelitten haben. So hat der Rat im Februar 2010 “die Einsparung von 350.000 Euro durch Streckung der Einrichtung von Plätzen für Kinder unter drei Jahren” beschlossen. Im gleichen Ratsbeschluss wurden zahlreiche Anträge zur Ausweitung von Betreungszeiten und zur Schulkindbetreuung behandelt. Weniger als der Hälfte dieser Anträge haben unsere Politiker stattgegeben. Am Ende des Ratsbeschlusses heißt es:

“Weitere Anträge können, bedingt durch fehlende Haushaltsmittel, nicht zur Umsetzung vorgeschlagen werden.”

Das werden wir dieses Jahr nicht hören, denn dieses Jahr ist Wahljahr – im Herbst wird der Rat neu gewählt. Da geht beides. Und das ist das, was ich für unseriös halte. Denn nächstes Jahr, da werden uns weitere 14,5 Millionen fehlen. Dann wird wieder gespart werden müssen, zum Beispiel bei der Kinderbetreuung.

Auch 2011 nur halb geräumte Radwege?

Inzwischen wurde zwischen der Stadt und ALBA ein neues Konzept vereinbart. Die wichtigste Änderung was die Radwege angeht: “Stadt und Alba weiten den Winterdienst auf Radwegen aus. Künftig umfasst die erste Räumstufe 62 statt 37 Kilometer. Das sind Radwege, die unmittelbar nach Ende des Schneefalls beziehungsweise noch am selben Tag behandelt werden.” (http://www.newsclick.de/index.jsp/menuid/2048/artid/13114929)

Das hört sich im Prinzip ganz gut an. Aber: “Aus Kostengründen können nach wie vor nicht alle 1100 Straßenüberwege in der Stadt frei von Schnee und Eis gehalten werden [...].” Damit sind ja wohl auch die zahlreichen Straßeneinmündungen gemeint, über die die Radwege führen. Ich rechne also nicht damit, als Radfahrer vernünftig voranzukommen. Daher bleibe ich bei meiner Forderung: Dann kann man sich das Räumen der Radwege auch sparen! Dann habe ich das Recht auf der Straße zu fahren – das ist mir lieber als an der nächsten Einmündung auf dieselbe zu rutschen.

Und: Was ist mit den Seitenstraßen, die oft von Radfahrern genutzt werden? Auch die sollte man nicht vergessen. Dazu gehören ja auch die neuen Fahrradstraßen.

Nachtrag: Montag, 29. November 2010:

Bis jetzt läuft es besser als ich dachte: Gleich nach dem ersten Schnee Ende letzter Woche wurden tatsächlich Fahrradwege geräumt und auch gestreut – alle Achtung! Dazu gehört z.B. die Theodor-Heuss-Straße und die Güldenstraße. Aber am meisten hat mich beeindruckt, dass man nicht nur an die Radwege entlang der großen Straßen gedacht hat, sondern wohl auch an die Fahrradrouten. Dazu gehört z.B. die Grünewaldstraße, das ist der Fahrradweg, der nördlich des Prinzenparks entlang der IGS Franzsches Feld über die Bahnschienen führt.

Ehrlichgesagt kann ich es kaum fassen – hat sich die Stadt bei der Prioritäensetzung tatsächlich von der Denkweise Radverkehr = Radwege verabschieden können? Denkt man jetzt wirklich bei Radverkehr an Radrouten? Im BZ-Artikel ist ja noch von Radwegen die Rede. Ich bin gespannt, ob man hier umgedacht hat. Lassen wir uns überraschen, wenn es demnächst mal etwas mehr schneit. Dann werden wir sehen, ob Nebenstraßen, die für den Radverkehr wichtig sind, auch geräumt werden.

Nachtrag: Donnerstag, 2. Dezember 2010:

Gestern abend hat die Schneefront aus Schleswig-Holstein Braunschweig erreicht. Schöner hoher Pulverschnee. Am Hagenring und am Altewiekring ist tatsächlich der Radweg geräumt. Ansonsten profitiere ich von den geräumten Bürgersteigen, denn mit dem Fahrrad auf der Straße fahren bringt auch nichts: Da ist auch noch nicht richtig geräumt.

 

 

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ALBA übernimmt Städtisches Klinikum

Breaking News

Hoffmann: Beim Winterdienst herausragende Fähigkeiten unter Beweis gestellt – Gauß: Die Hälfte des Personals tut’s auch

Nach dem Winterdienst und der Müllentsorgung übernimmt ALBA nunmehr auch das Städtische Klinikum Braunschweig. Laut ALBA-Sprecher Gauß soll die Übernahme vor Beginn des nächsten Winters unter Dach und Fach sein.

“Wir werden unsere Aufgaben im nächsten Winter noch konsequenter ignorieren. Die so provozierten Stürze und Unfälle werden dann für Umsatzwachstum in unserem neuen Unternehmensbereich Health Care sorgen.” Damit liege die gesamte Prozeßkette in einer Hand. So könne man auch im Gesundheitswesen konsequent Gewinne generieren.

Gerüchte, dass ALBA nunmehr auch das Landeskrankenhaus Königslutter übernehmen würde, um dort in einem Joint-Venture mit der städtischen Verwaltung notorische Privatisierungsgegner einzuquartieren, wurden von Oberbürgermeister Hoffmann dementiert.

Radwege halb räumen nützt nichts

Inzwischen sind die Radwege etwas besser geräumt. Aber immer gibt es noch eine Schneeschicht, außer:

  • An größeren Kreuzungen
  • An einigen Grundstücken, an denen die Anwohner offensichtlich ein Erbarmen hatten und nicht nur den Fußweg, sondern auch den Radweg freigeschaufelt haben.

Warum bekommt ALBA nicht das hin, was diese Anwohner ja offensichtlich können?

Das Resultat: Einige Abschnitte sind einigermaßen befahrbar, andere wiederum sehr schlecht. An den Einmündungen von Nebenstraßen muss man immer wieder absteigen, da diese gar nicht geräumt sind.

Ich meine: Solange so lückenhaft geräumt ist, kann man auf die Räumung der Radwege auch ganz verzichten. Auf halb geräumten Radwegen kann niemand vernünftig fahren. Und sicher ist es auch nicht. Was passiert, wenn ein Radfahrer dort stürzt und auf die Fahrbahn dem nächsten LKW vor die Räder fällt?

Wenn man Radwege räumt, dann sollte man es richtig machen. Wenn die Straße daneben geräumt und gestreut ist, dann sollte man auch den Radweg räumen und Salz streuen. Oder man läßt es konsequent ganz und spart sich das Geld.

ALBA räumt immer noch keine Radwege

In Braunschweig liegen rund 25 cm Schnee. Obwohl es seit gestern nachmittag nicht mehr schneit, habe ich auf meiner heutigen Fahrt quer durch die Stadt keinen einzigen Radweg gefunden, der geräumt oder gestreut ist. Auf der Straße fahrend stellte ich an den Kreuzungen verwundert fest, dass dort die Radverkehrsübergänge sehr wohl geräumt und auch gestreut waren.

Auf einigen Radwegen hatte ich den Eindruck, als wäre man dort mit einem Schneepflug mal langgefahren, hat aber die Schaufel nicht vernünftig abgesenkt, um möglichst schnell zur nächsten Kreuzung zu kommen.

»Der Radwegewinterdienst beginnt von der Innenstadt nach außen zum Teil bereits zeitgleich mit der Ausführung des Fahrbahnwinterdienstes der Priorität 1.«

Stadtbaurat Wolfgang Zwafelink (Winterdienst & Schneeräumung: GRÜNE fragen nach)

Vierundzwanzig Stunden nachdem die letzte Schneeflocke gefallen ist, müsste hier doch schon mehr passiert sein. Und da die Kälte ja noch ein bis zwei Wochen anhalten soll, befürchte ich, dass das jetzt so bleiben soll. Wird die Stadt die ausbleibenden Leistungen bei ALBA anmahnen? Und wenn nicht: Können wir Bürger die Stadt zur Rückzahlung von Straßenreinigungsgebühren verpflichten, wenn sie ihren Verpflichtungen nicht nachkommt?

Als Ergänzung noch ein interessanter Link: Seite des ADFC zum Winterdienst auf Radwegen in Braunschweig

19 Milliarden Euro …

… zusätzlichen Gewinn werden die Energiekonzerne verbuchen können, wenn die schwarz-gelbe Koalition den Atomausstieg um 10 Jahre verlängert. Davon soll die Hälfte an den Staat gehen.

Ich frage mich: Warum eigentlich? Warum schenkt unsere Regierung den vier Energieriesen so viel Geld?

Gifhornerinnen missionierten

Die Braunschweiger Zeitung hat über die im Jemen getöteten  Gifornerinnen Rita S. und Anita G. berichtet, dass sie an einer Bibelschule unter anderen Missionierung studierten und im Jemen in einem Krankenhaus arbeiteten.

Da liegt nun die Frage nahe, ob sie auch im Jemen missionierten und eventuell deswegen getötet wurden. Darauf geht der Spiegel in seiner aktuellen Ausgabe ein: “Als wahrscheinlich gilt, dass die Deutschen und die Südkoreanerinnen sterben mussten, weil sie in einem muslimischen Land im Namen Jesu Christi auftraten. In den persönlichen Sachen der jungen Frauen fanden die Ermittler Missionsschriften.”

Ein Großteil des Artikels ist auch unter spiegel.de nachzulesen: “Der Krisenstab geht mittlerweile davon aus, dass die Deutschen vor Ort als Missionare bekannt waren.”

Die Braunschweiger Zeitung hält ihren Lesern diese wichtige Information leider vor.

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Die lahme Ente

Wie Gert Hoffmann die Stadt Braunschweig regiert – Teil 4

„Im US-amerikanischen politischen System wird ein Präsident oder anderer Politiker, der noch im Amt ist, aber nicht wiedergewählt werden kann oder werden möchte, als Lame Duck (lahme Ente) bezeichnet.“ (http://de.wikipedia.org/wiki/Lame_Duck)

Hoffmann wird noch bis 2014 regieren. Er ist dann 68 Jahre alt. Dass er für eine weitere dritte Amtszeit kandidieren wird ist unwahrscheinlich. Beobachter aus dem Rathaus sehen bereits jetzt erste Ermüdungserscheinungen. Ich gehe davon aus, dass sich sein Schwerpunkt sich vom Thema Privatisierung sich auf das Thema Haushaltskonsolidierung verlagern wird. Warum?

- Bestimmte Arten der Privatisierung haben sich als zu risikoreich herausgestellt (Stichwort: Cross Border Leasing).
- Privatisierungen sind immer mit Risiken verbunden. Hoffmann wird seine Leistungsbilanz nicht durch schiefgegangene Privatisierungen verderben wollen.
- Es gibt gar nicht mehr so viel zu privatisieren. Der größte Brocken wären sicherlich die städtischen Krankenhäuser. Da unter seinen Unterstützern die ältere Bevölkerung einen überproportionalen Anteil bildet, glaube ich, dass er sich daran nicht wagen wird.
- Das Thema Sparsamkeit und Haushaltskonsolidierung liegt ihm am Herzen. Um seine Regierungszeit insgesamt als erfolgreich darstellen zu können, muss er zeigen, dass er die Schulden, die er durch die Privatisierungen abgebaut hat, jetzt nicht wieder neu machen muss.

Ein neuer Rat wird bereits 2011 gewählt. Es ist möglich, dass Hoffmann dann seine CDU/FDP Mehrheit im Rat verliert. Sofern Hoffmann bis dahin keine größeren Fehler macht, wird dies aber nur passieren, wenn die SPD bereits jetzt beginnt, eine Gegenkandidatin aufzubauen. Diese müsste bereits 2011 für den Rat kandidieren, um sich dann in den folgenden drei Jahren profilieren zu können. Es wird nicht reichen, wenn die Opposition auf den Feldern Bildungs-, Sozialpolitik und Umweltschutz Pluspunkte gegenüber Hoffmann sammelt.

Hoffmann hat von den Privatisierungserlösen nicht nur die Schulden abgebaut, sondern das Geld auch ausgegeben. Das gilt es zu kritisieren. Und: Die Opposition muss vermitteln, dass sie in der Lage ist, nicht nur mehr Geld auszugeben, sondern auch geschickter damit umzugehen und auch Einsparungen vorzunehmen.

Das Stichwort muss heißen: Nachhaltige statt kurzfristige Haushaltspolitik. So ließe sich ein ernsthafter Gegenentwurf zur Politik von Gert Hoffmann formulieren.

Gert der Schreckliche

Wie Gert Hoffmann die Stadt Braunschweig regiert – Teil 3

Gert Hoffmann war während seines Jurastudiums in Göttingen von 1967 bis 1969 Mitglied der NPD. Er war keine Karteileiche, sondern sogar stellvertretender Vorsitzender des Nationaldemokratischen Hochschulbundes, der Studentenorganisation der NPD (Wikipedia: Gert Hoffmann).

Wenn man das liest, fragt man sich automatisch, ob dieser Mann vielleicht immer noch ein Nazi ist. Wird Braunschweig von einem Nazi regiert? Hat der Oberbürgermeister sich nicht vor kurzem seine eigene, polizeiähnliche Truppe, den „Zentralen Ordnungsdienst“ (ZOD) geschaffen, die er in der Stadt aufmarschieren lässt? Ja, das stimmt, aber die schwarz Uniformierten werfen nicht bei den zahlreichen türkischen Dönerbuden die Schaufensterscheiben ein oder verhaften Andersdenkende von der BIBS oder von den Grünen. Sie ermahnen Raucher, die ihre Zigarettenkippen achtlos wegwerfen und sollen sich angeblich auch um Schulschwänzer und Schwarzarbeiter kümmern.

Hoffmann selbst bezeichnet seine NPD-Vergangenheit als „Jugendsünde“. Grund war nach seinen eigenen Angaben der „aufgrund der Teilung Berlins entstandene Antikommunismus“, die „emotionale“ Ablehnung der Studentenbewegung, der „Außerparlamentarischen Opposition“ und der „Großen Koalition“ (Wikipedia: Gert Hoffmann).

Diese „Jugendsünde“ verfolgt Hoffmann durch seine gesamte Karriere: 1983 bewirbt er sich als Oberstadtdirektors in Hildesheim, muss diese Bewerbung aber wegen seiner NPD-Vergangenheit zurückziehen. 1997 soll Hoffmann Chef der Treuhand Liegenschaftsgesellschaft (TLG) werde, zieht seine Bewerbung dann aber wieder zurück. Grund sind heftige Proteste innerhalb der TLG wegen Hoffmanns NPD-Vergangenheit (DER SPIEGEL 6/1997). Als ihn die Braunschweiger CDU 2001 zu ihrem Kandidaten machen will, versucht der Niedersächsische Ministerpräsident Christian Wulff dies zu verhindern – ebenfalls wegen der NPD-Vergangenheit des Kandidaten.

Hoffmann resigniert er nicht. 1981 wird er Stadtdirektor in Gifhorn, 1991 Regierungspräsident des Regierungsbezirks Dessau und 2001 schließlich Oberbürgermeister von Braunschweig.

Doch die NPD-Zugehörigkeit bleibt der “empfindlichste Punkt” seiner Vergangenheit (DIE ZEIT). Bei der Oberbürgermeister-Stichwahl 2001 rufen die Grünen dazu auf, den SPD-Kandidaten zu wählen. Eigentlich ein ganz normaler Vorgang. Ich erinnere mich noch, dass Hoffmann damals ziemlich aus der Haut gefahren ist. Das wird daran gelegen haben, dass sie ihren Aufruf auch mit der NPD-Vergangenheit begründeten. Hoffmann rächt sich auf seine Art: Eine der ersten Amtshandlungen des neu gewählten Rates ist die Reduzierung der Sitze in sämtlichen Fachausschüssen, so dass die Grünen dort nicht mehr stimmberechtigt sind (DIE GRÜNEN).

Ein weiterer Kritiker, der immer wieder die NPD-Vergangenheit des Oberbürgermeisters erwähnt, ist der Braunschweiger Satiriker und Kinderbuchautor Hartmut El Kurdi. Anfang 2007 wird bekannt, dass Hoffmann städtischen Mitarbeitern die Weisung erteilt hatte, im Dienst Veranstaltungen des Autors Hartmut El Kurdi fernzubleiben. Laut Verwaltung ist El Kurdi ein skrupelloser »Agitator« ist, der sich »diskreditierend, verletzend und unflätig über den Oberbürgermeister geäußert« hat. (DIE ZEIT).

»Diese Geschichte klingt wie ein Märchen. Es war einmal ein Herrscher, der hatte ein Problem, das ihn bei Nacht um den Schlaf brachte. In seinem Land gab es einen Schreiberling, der ihn immer wieder kritisierte. Er spottete über die Art, wie er regierte, wie er Entscheidungen traf, und zweifelte an seiner Ehrenhaftigkeit. Eines Morgens beschloss der Herrscher, sich das nicht länger gefallen zu lassen, und erließ ein Gesetz, wonach sich niemand bei Hofe mehr mit dem vorlauten Schreiberling treffen dürfe, auf dass der endlich das Land verlasse.« (DIE ZEIT)

Hartmut El Kurdi Hartmut El Kurdi
(Foto: hartmutelkurdi.de)

»Zusätzlich muss berücksichtigt werden, dass Mitarbeiter des Oberbürgermeisters auch in eine ganz unangemessene Situation kommen, wenn sie sich der Gefahr aussetzen, dass sie in einer Veranstaltung anwesend sind, bei der Herr El Kurdi auf beschriebene Weise den Oberbürgermeister angreift. Sie müssen sich dann entweder in diese Auseinandersetzung begeben und in Loyalität zu ihrem Dienstvorgesetzten dem widersprechen oder den Saal verlassen, was auch ein durchaus peinlicher Eklat ist. Von daher ist es konsequent, wenn städtische Mitarbeiter in Vertretung des Oberbürgermeisters sich dieser Situation gar nicht erst aussetzen bzw. sie gar nicht erst durch ihre Vorgesetzten in diese Situation gebracht werden.«
(Aus der städtischen Weisung, Quelle: DIE GRÜNEN)

Dass Hoffmanns Rache bitter sein kann, wissen offenbar auch die Mitarbeiter des Rathauses. Zur Akte El Kurdi will man sich höchstens anonym äußern. Und als vor kurzem die Braunschweiger Tagesmütter Unterschriften für eine bessere Bezahlung sammelten, sagten einige Eltern den Initiatoren, sie würden sich nicht trauen zu unterschreiben, da sie im Rathaus arbeiteten.

Rathausflur Braunschweiger Rathausflur: Regiert hier die Angst?
(Foto: newspatch)

Betrachten wir einmal eine andere Episode: Demonstrationen von Rechtsradikalen kann man nicht immer verhindern, stehen aber recht ärmlich da, wenn gleichzeitig ein vielfaches von Gegendemonstranten für die Demokratie eintritt. Ich erinnere mich, dass in den 90er Jahren auch der damalige Oberbürgermeister Werner Steffens an einer solchen Demonstration teilnahm.

Als im Juni 2005 die NPD in Braunschweig demonstrieren will, ruft Hoffmann die Gegendemonstranten dazu auf, doch zu Hause zu bleiben, denn die Gegendemonstrationen würden der NPD ja nur unnötige Aufmerksamkeit verschaffen. Würde es vielleicht auch seiner NPD-Vergangenheit Aufmerksamkeit verschaffen? Oder ist es ein Reflex? Hoffmann hat die Erfahrung gemacht, dass es für ihn am besten ist, das Thema NPD möglichst klein zu halten. Aber bei dieser Demonstration geht es gar nicht um seine NPD-Vergangenheit. Wäre es nicht ein mutiger Schritt gewesen, einfach mit zu marschieren (auf der Seite der Gegendemonstranten)?

Ich glaube, dazu ist Hoffmann auch zu konservativ. Diese sehr konservative, ich möchte auch sagen obrigkeitstreue Grundhaltung, die um jeden Preis das Gesicht wahren will, spricht auch aus der El-Kurdi-Weisung heraus: Wenn ich in einer Veranstaltung bin und mein Chef wird kritisiert – was soll’s? Warum kann ich mir das nicht anhören? Hoffmann muss sich doch auch im Rat die Kritik der Opposition gefallen lassen. Warum hier nicht Größe zeigen?

Das wird sich sicherlich auch Stadtbaurat Wolfgang Zwafelink gefragt haben. Zunächst läuft alles prima: In Riddagshausen lässt die Stadt ein unverkäuflichses leerstehendes Gebäude abreißen. Dadurch kann eine Kreuzung neu gestaltet und somit ein Unfallschwerpunkt beseitigt werden. Dann wird die Ebertallee neu ausgebaut. Doch der Verkauf des durch die Neugestaltung entstandenen Grundstücks an Investor Richard Borek, um dort ein in kühler Modernität gestaltetes Café zu errichten, stößt in der Öffentlichkeit auf wenig Gegenliebe.

Borek und die Stadt verzichten auf die Bebauung. Jetzt, wo es nicht so gut läuft, sagt Hoffmann etwas Unglaubliches: “Er sei Gegner des Ebertallee-Ausbaus gewesen und habe den Widerstand erst aufgegeben, nachdem ihm die Baufachleute beträchtliche Einnahmechancen aus der Verwertung des Grundstücks signalisiert hätten” (Braunschweiger Zeitung vom 21. April 2009). Mit anderen Worten: Ich wollte eigentlich nicht, die andern haben mich überredet. Es ist die Schuld meiner Baufachleute. Hätte er das auch gesagt , wenn alles prima gelaufen wäre? Sicher nicht.

Warum steht er nicht zu seiner Entscheidung, anstatt sie seinem Stadtbaurat in die Schuhe zu schieben? Hoffmann muss ein ziemlich geringes Selbstbewusstsein haben, wenn er so reagiert. Er braucht den Erfolg als Oberbürgermeister, um sich Anerkennung zu verschaffen, mag Niederlagen aber nicht eingestehen. Das läßt auf ein geringes Selbstwertgefühl schließen.

Was ist von seinen Überzeugungen, die ihn einst dazu gebracht haben, der NPD beizutreten, noch geblieben? Ich könnte mich nicht erinnern, dass er während Regierungszeit in Braunschweig jemals irgendeinen Anschein von Ausländerfeindlichkeit geweckt hat. Was man noch spürt, ist die Radikalität und auch eine tiefe Emotionalität. Hoffmann ist nicht nur die kühle, perfekte Verwaltungsmaschine, sondern hinter seiner Politik stecken tiefe emotional geprägte Überzeugungen. Diese manifestieren sich vor allem in der Radikalität, mit der er in Braunschweig die Privatisierung der Stadt vorangetrieben hat.

Warum “vorangetrieben hat”? Wie wird es in Zukunft weitergehen? Darum soll es im vierten und letzten Teil meiner Serie gehen.

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